Archiv Oktober, 2011

Liebe Genoss_innen aus Frankfurt, liebe Freund_innen,

Vor ein paar Tagen erreichte uns die Nachricht von der Besetzung der Schumannstraße 60 in Frankfurt und deren gewaltsame Räumung durch die Polizei am gleichen Tag.

Diese Reaktion zeigt unserer Ansicht nach nicht nur die unbeschreibliche Ignoranz der politischen Verantwortlichen gegenüber den Bedürfnissen breiter Gesellschaftsschichten, sondern auch, dass die Eigentumsverhältnisse in unserem kapitalistischen System nicht zugunsten der Mehrheit der Menschen organisiert sind. Wo Menschen der Wohnraum verweigert wird, während Häuser leer stehen, da läuft etwas grundliegend falsch.

Nicht zuletzt unter dem Eindruck einer fortschreitenden Gentrifizierung der Innenstadt-Zentren über die Köpfe der betroffenen Menschen hinweg und der damit einhergehenden Verdrängung breiter Bevölkerungsschichten in die Vorstädte der Ballungszentren, halten wir die von euch gewählte Aktionsform der Aneignung von nicht-genutztem Wohnraum für legitim und solidarisieren uns mit eurem Anliegen.

Eure Rigaer Straße 94, Berlin

Freiheit für Tobias!

Am 24.09.2011 wurde unser Freund und Genosse Tobi festgenommen. Tobi, der seit einiger Zeit als freier Fotograf arbeitete, wird zur Last gelegt, drei Karren aus dem Spektrum der Oberklasse in Mitte abgefackelt zu haben. Und wir kommen mal gleich zum Punkt: Das Ob, das Wie, das Warum – das ist uns scheißegal! Die Gefangenschaft ist ein Produkt einer repressiven und auf Dauerkonsum getrimmten Gesellschaft, in der der Staat dafür Sorge trägt, dass auch alles schön neoliberal und so frei wie möglich verwertet und aufgewertet werden kann.

Doch seit geraumer Zeit stört etwas den Hype um die Metropole als lukrativen Standort! Die Stadt soll ein Happeningplace für die Reichen und Schönen von überall her sein, die diese Stadt lieben lernen sollen und ihr Geld wohlwollend in sie hineinpumpen mögen, damit wir tolle neue Arbeitsplätze bekommen, beschissen bezahlt, flexibel strukturiert. Und das in Bereichen, wo wir so manchen Leuten vielleicht lieber vor die Füße kotzen würden als unser gutes Lächeln zum täglichen bösen Spiel aufzusetzen. Berlin ist eine Gala, nur irgendwer zündet ständig das Dekor an. Und kann die Security nicht mal bitte diese Verwahrlosten von den Fenstern verscheuchen? Danke! Über 600 Bullen für Brandstreifen. Das sind dreimal so viele wie für die U-Bahnschlägerhysterie gefordert wurden.

Das Zündeln nahm einst seinen Anfang als konkrete Zerstörung von Yuppiespielzeug (Luxusautos) und Firmen die mit Krieg, Castor und sonstiger Alltagsscheiße ihren Profit machen und erreichte zumindest einen Zweck: steigende Mieten sind seit Jahren Thema und werden nun nicht mehr ignoriert, sondern sogar aufgegriffen von denen die sie mitverschulden. Wir sind überzeugt, diese militanten Akte sind ein wichtiger Teil der Kampagne gegen die Gentrifizierung. Politiker_innen und vereinigte Pappnasen in den Medien mögen so oft sagen wie sie wollen, dass Gewalt (gegen Sachen) nichts bringt. Wenn sie sich ebenso darüber echauffieren würden, dass Menschen verdrängt werden weil sie sich die Miete nicht leisten können, darüber dass Alleinerziehende von Hartz IV ihre Kinder nicht versorgen können und Sarrazin ihnen sagt, sie sollen einfach drei Pullis im Winter tragen weil die Betriebskostenabrechnung schon letztes Jahr viel zu hoch war, dass Bullen Leuten einfach die Bude razzen, weil sie sich in der Verantwortung sahen, gegen Nazidreck vorzugehen – vielleicht kämen ihre Worte dann nicht so verlogen herüber.

Hier geht es nicht darum ob das Abfackeln von Autos sinnvoll ist, besonders wenn es Oma Inge’s Twingo oder Onkel Gömez Leasing-Transporter betrifft, deren Karren den Flammen zum Opfer fielen. Schließlich stecken sie zumeist in derselben Scheiße. Hier geht es um Wut. Um ‘ne ganze Menge Wut. Die Gentrifizierung ist eine solch gewaltige Welle, dass das eben Gewalt ist, wenn ihre Akteure durch die Arroganz ihrer finanziellen Macht uninteressiert sind an den Belangen der Menschen. Da kann nur Wut gepaart mit Worten, statt Worten ohne Wut etwas entgegensetzen. Ihnen ein unüberhörbares „Verpisst euch“ entgegen schleudern und sie ebenso die Steine der „Chaoten“ wie Handtaschen von rüstigen RentnerInnen fressen zu lassen, die in ihre sicheren Bürozimmer donnern. Es brennen also Autos…. das muss mensch nicht super finden, aber es muss auch kein Mensch in Schockstarre fallen, wenn immer mal wieder eine Luxuskarre brennt.

Unser Freund sitzt im Knast, der widerlichsten Institution dieser Gesellschaft, die uns suggerieren soll, von wie vielen bösen und furchtbaren Menschen wir doch umgeben seien. Die meisten sitzen wegen Delikten, die typisch sind für ein System das Armut, Diskriminierung und Nicht-Privilegierung schafft. Wenn wir an Tobi denken, können wir über diese Mär nur lachen, und in uns steigt die Wut, dass er dort sitzt, und wir hier – ohne ihn. Und dass die Scheiße weitergeht. Dass die Mieten steigen. Dass Mediaspree weitergeht. Dass Hochhäuser für Reiche in der Innenstadt geplant werden wie am Alex.

Für ein stadtweites Aufbegehren gegen Investor_innenschweine, Miethaie und der neureichen Selbstinszenierung der Yuppiehorden!

Freiheit für Tobias – Knäste? Mut zur Lücke!

 

Mehr Infos unter freiheitfuertobias.blogsport.de