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Archiv May, 2020

Tagebuch aus der Rigaerstraße

Gefunden auf de.indy als Zwei Wochen Rigaerstrasse
Niemals aufgeben - Niemals kapitulieren



Am Montag wollte Arthur mich zum Abendessen besuchen kommen weil es ja jetzt schon seit Wochen keine MontagsvoxKü mehr gibt. Weil er nicht wusste ob die Hundesöhne vor der Tür kauern, musste er ganz viel klettern, um zu mir zu kommen.


 


Mittwoch gab es endlich mal wieder eine angekündigte VoxKü zur Unterstützung der Freundinnen, die in der Walpurgisnacht und am ersten Mai Stress bekommen hatten. Die Schweine dachten sie werden auch gefüttert. Jedesmal wenn sie zur Tür gekommen sind, haben sie aber doch nichts bekommen. Das hat sie wohl sehr verwirrt. Als sie gefragt wurden was sie wollten meinten sie “gehen”, sind aber trotzdem da geblieben…
Leider sind auf Grund des Gestanks der Schweine viele andere Leute auch nicht gekommen. Das Essen war trotzdem lecker.

Mittwoch Nacht gings aber anscheinend noch richtig ab, vielleicht habt ihr am Freitag schon davon im Radio gehört. Spät in der Nacht kam eine Freundin ganz schön fertig nach Hause. Sie hat erzählt dass sie von den Schweinen auf einem Spielplatz überfallen wurde. Eigentlich saß sie nur mit drei Freund
innen gemütlich dort rum. Wegen Coro kamen dann die Schweine. Erst waren sie nur ein bischen eklig aber als sie dann gehört haben dass sie in der 94 wohnt sind sie richtig ausgerastet und haben sie umgetreten. Bestimmt ne halbe Stunde saßen sie auf ihrem Rücken und haben immer wieder ihr Gesicht in den Sand gedrückt. Dann gings noch auf die Gesa, aber die Laune konnten sie nicht kippen. Das ham sie bestimmt bei so jungen Leuten nicht erwartet, aber sie haben sich einfach nicht einschüchtern lassen. Die anderen Freundinnen haben sie auch in der Zelle noch ständig bedroht.

 
Donnerstags haben wir dann noch erfahren, dass ein minderjähriger Freund zum vierten Mal in zwei Wochen in der Nähe des Hauses kontrolliert und festgenommen wurde. Wegen seiner Nähe zum Haus meint das Jugendamt, das Problem wäre der schlechte Einfluss der Rigaer94. Das es irgendwas mit der ständigen Präsenz der Cops vor der Tür und ihren Aggressionen zu tun haben könnte kam ihnen nicht in den Sinn. Nach der Bedrohung mit einer geschlossenen Jugendeinrichtung sieht er sich jetzt gezwungen sich auf den letzten Vorschlag des Jugendamtes einzulassen, was für ihn bedeutet zurück nach Brandenburg zu ziehen und aus sein Umfeld gerissen und von seinen Freund
innen getrennt zu werden.


 


Freitag gabs dann unser schönes Balkon-Radio.

Weils der 8.Mai war unds immernoch nicht geschafft wurde hässliche Schweinereien wie rassistischen Kack und Faschoscheiss wie Cops und andere NaziOpas loszuwerden, hatten Menschen von der Migrantifa[3] nach dem Anschlag in Hanau einen Aufruf für diesen Freitag zum Tag des Zorns geschrieben.[4] Dazu gabs ein paar Redebeiträge. Im Südkiez haben sich zur gleichen Zeit 40 Faschos getroffen. Leider kamen wir zu spät, um sie noch zu erwischen. Die Bulleten haben sie von dort zur S-Bahn begleitet.

 Ausserdem gabs nen Bericht von Jugendlichen, die im Westend eine Villa in Solidarität mit den bedrohten Projekten besetzt hatten [5],[6].

Beim Liederraten später waren richtig viele Musikkennerinnen dabei.
Es gab wie die letzten Wochen viele tolle Gewinne beim Bingo und Liederraten. Leider nichts für mich..
Die Cops haben erst als das Radio schon ne Weile lief eine komische unmotivierte Hunderschaft (Rückenkennung E100) vorbeigeschickt, die nach kurzer Zeit den Nazis hinterher gefahren ist. Unten in der Liebigstraße hat sich aber noch ein dutzend uniformierte Spinner versteckt, die dann später noch Menschen rausgepickt haben zum Belästigen. Gegen Ende des Radios sind sie auch einfach ganz eng in dreier oder vierer Gruppen auf Menschen am Gehsteig zugegangen, um sie einzuschüchtern. Irgendwann haben sie dann die letzten Menschen, die zu der Zeit herumsaßen verscheucht. Trotzdem hatten wir einen schänen Abend.

 
Samstag wars endlich mal wieder so richtig schön warm, die Zwergsonnenblumen sind schon richtig groß geworden, warum heissen sie nochmal Zwerg?
Im Südkiez sind am Abend schon wieder die uniformierten Müllsäcke ausgerastet und haben 4 Menschen, die auf einem Spielplatz mit einer Gitarre musizierten, gepfeffert und misshandelt.[7] Leider haben wir davon nichts mitbekommen.

 
Dienstag Vormittag stand ein komischer Typ im Eingang der 94 und hat Photos gemacht, leider wurde verpasst ihn festzuhalten. Vor einem anderen Projekt im Wedding wurde er auch gesichtet.
Am Nachmittag mussten wir feststellen, dass ein Freund und Mitbewohner aus dem Vorderhausam am Vortag in seiner Wohnung verstorben war. Darauf gab es einen Bulleneinsatz bei dem es sich die Abschnittsdeppen natürlich nicht nehmen liessen Notizen zu unseren Türen zu machen und dumme Sprüche zu bringen. Nachdem der Leichnahm des Freunds von der Gerichtsmedizin mitgenommen wurde weil sie behaupteten er sei keines natürlichen Todes gestorben, haben sie sich schnell verzogen und kamen auch nichtmehr wieder. Die Geier der B.Z. konnten sich auch hier nicht nehmen lassen das Thema zu nutzen, um Schlagzeilen zu produzieren. Der Tag hat uns alle ganz schön mitgenommen.

Mittwoch Abends gab es richtig leckere Wraps zur Voxkü vor der Tür. Ich freu mich schon auf nächste Woche! Es sind auch ziemlich viele Menschen vorbeigekommen und konnten ohne von Cops belagert zu werden Essen und sich austauschen. Alles war ziemlich ruhig bis wir gehört haben, dass auf dem Parkplatz an der Eldenaer ein Typ Menschen im Supermarkt beleidigt und Naziparolen? ruft. Der verschwand aber schnell und nach einer halben Stunde kamen unvorhergesehen acht Wannen angeprescht und ein Haufen behelmter agressiver Pumperbullen lief auf eine kleine Gruppe Freundinnen zu, um die zu kontrollieren und ihnen Platzverweise auszuteilen.

Anscheinend war das Schwein Heller [8] und seine Jungs für eine neue Runde seiner persönlichen Vendetta da. Zuerst haben sie versucht Eindruck mit der Größe ihres Pfeffersprays zu machen und dann mit ihren kleinen Taschenlampen rumzublenden.

Später sind sie dann auch noch ins Nachbarhaus eingebrochen, haben zuerst auf dem Hof rumgemackert und waren dann auf dem Dachboden und in den Treppenhäusern von wo aus sie noch bis etwa halb drei spioniert und ab und zu rumgeleuchtet haben. Das hat mir ganzschön den Schlaf vermiest.

Bevor sie gefahren sind haben sie noch im Hauseingang randaliert und Zementsäcke aufgeschlitzt und draufgepisst.


 


Donnerstag mussten dann erstmal hinter diesem Dreck hergeräumt werden und ein paar Sachen die se zerstört und mitgenommen hatten reparieren.


 


Freitag hatten wir schon vor Radiobeginn unsere unerwünschten Gäste vor der Tür, die auf der andere Strassenseite stramm standen. Obwohl es nicht mehr so warm war, sammelten sich mehrere Leute vor unserem Haus, der Liebig34 und auf dem Dorfplatz. Viele Nachbarinnen waren auf den Balkonen. Es gab ein Beitrag vom Jugendbündniss Natürlichen Widerstand zur Klimagerechtigkeit und einen Bericht der Solidarischen Jugendbewegung über Abtreibung in Zeiten von Corona. Von der Jugendgruppe À Gauche aus Bremen gab es einen Gastbeitrag, der die prekäre Lage in Brandenburger Flüchtlingheimen ansprach. Wie fast immer wurde das Radio mit der Liebig34 geplant, die ihrerseits Beiträge und Podcasts zu den Hygiendemos und anderen Themen laut auf den Dorfpflatz schallte.
Dem Aufruf der Keimzelle, zum Radio zu kommen, folgten rund 30-40 Leute, darunter viele Jugendliche. Gegen Anfang, als die Leute noch vereinzelt auf der Straße standen, versuchten die Bullen mehrmals die Zuhöhrer
innen einzuschüchtern, aber ohne Erfolg. Hingegen kamen immer mehr Leute in die Straßen und an den Dorfplatz. Ab einer bestimmten Menge an Meschen ließen sich die Leute nicht mehr nerven und die Bullen beschränkten ihre Präsenz auf ihre Fahrzeuge. Ein paar Leute wurden im Durchgang der Rigaer 16 kontrolliert. Endlich und zu unser aller Erleichterung, hat die Polizei schon vor Mitternacht die Besatzung beendet.


 


Samstag kurz vor 21 Uhr waren die blauen Macker da. Sie hatten die ganze Zeit Helme und Vollmontur an. Bis kurz vor 3 waren sie noch da und  standen ziemlich prollig verteilt über den Dorfplatz, ein gruseliges Bild..





[1]de.indymedia Artikel

[2]Artikel zur BPE auf rigaer94.squat.net

[3]Migrantifa Twitter

[4]Aufruf zum Tag des Zorns

[5]de.indy Artikel zur Besetzung der Villa im Westend

[6]de.indy Bericht von der Besetzung

[7]Bullenbericht zu ihrem eigenen Angriff im Südkiez

[8]Prozessbericht aus dem Berufungsprozess von Isa 2019 mit Infos zu Heller

  • Comments Off on Tagebuch aus der Rigaerstraße
  • Kategorie: Statements
  • An english version is available below

    Mittwoch 25. März

    wir bekommen einen Anruf unseres Anwalts, welcher eine telefonische Drohung der Bullen an uns weiter gibt. Inhalt der Drohung war, dass sie die Rigaer94 betreten werden, wenn die Kadterschmiede nicht offiziell geschlossen wird. Daraufhin kündigten wir, nach einer gezwungenermaßen kurzen Diskussion, über Twitter und auf unserer Website an, dass wir an diesem Tag nicht öffnen würden.

    Bereits gegen 20 Uhr befanden sich etwa zehn Mannschaftswagen der Bullen in der näheren Umgebung und an der Wedekindwache (Bullenstation im Friedrichshainer Südkiez) stand schweres Equipment der Technischen Einheit bereit. Für den Großteil des Abends wurde der Raum zwischen Rigaerstrasse , Zellestrasse und Dorfplatz von Cops besetzt und durch Bullenketten abgeriegelt. Vor unserer Tür war wieder einmal die, zu diesem Zeitpunkt noch neue, BP-Einheit (Brennpunkt-und Präsenzeinheit [1] ) stationiert. Vertreter der größeren Klatschblätter und Massenmedien warteten ebenfalls vom frühen Abend an in der Strasse.

    Einige Tage zuvor hatten wir einen Text mit dem Titel “Selbstorganisation im Ausnahmezustand – Warum wir offene soziale Räume für wichtig halten”[2] veröffentlicht und in den Straßen plakatiert. Auch wenn wir immer noch politisch dahinter stehen, war das in zweierlei Hinsicht ein Schuss ins Blaue. Weder hatten wir die Reaktion unseres Feindes in Gestalt des Staates bedacht, noch alle Unsicherheiten bezüglich hygienischer Maßnahmen aus dem Weg geräumt. So waren wir, mangels einer tiefergehenderen Diskussion und Analyse rund um die Öffnung unserer Räume, auch nicht auf die sich ankündigende Repression an diesem Mittwoch vorbereitet. Wir stapften also geradewegs in unsere eigene Falle da wir nicht in der Lage waren jedwege Entscheidung, die wir hätten treffen können, kollektiv zu verteidigen.

    Schlussendlich sagten wir unsere VoKü ab und schlossen die Kadterschmiede. Der Mangel an kollektiver Analyse bezüglich unserer vorangegangenen Entscheidung sowie der Zeitdruck zur Entscheidungsfindung am Mittwoch zeigten inhärente Probleme in unserem Vorgehen auf. Kritik bezüglich der Öffnung der Kadterschmiede, die Einzelnen gegenüber zuvor geäussert worden war, das unübersehbare Statement der Szene zur Schließung fast aller kollektiver Räume (welchem wir mit der Öffnung entgegenwirken wollten) und die damit einhergehende Abwesenheit offener Solidarität mit unserer Entscheidung, eigene Unsicherheiten zum Umgang mit dem Virus, all das führte uns zu dieser Entscheidung.

    Widerstand

    Als Anarchist*innen werden wir stets gegen (staatliche) Repression kämpfen. Die Bildung einer solidarischen Bewegung ist ein zentrales Werkzeug zur Bekräftigung dieser Kämpfe, unsere Entschlossenheit und unsere Beharrlichkeit die Spitze unseres Speeres. Wir kämpfen gegen die Existenz des Staates und die Befehle, denen er uns unterwerfen will. Wir analysieren und untersuchen seine Diktate kritisch, stellen unsere eigenen Analysen auf und verteidigen diese. Gleichzeitig müssen wir uns unserer Möglichkeiten und Fähigkeiten bewusst sein, Prioritäten und Ziele bestenfalls so gesetzt sein, dass sie uns alle voranbringen. Die Situation, mit der wir und unsere nächsten Nachbar*innen seit einigen Monaten vor unseren Haustüren konfrontiert sind, also ihre buchstäbliche Belagerung durch die Handlanger des Staates, welche jede Bewegung in und aus dem Haus zu kontrollieren versuchen, bringt uns in eine sehr defensive Position. Der Staat versucht Freund*innen, Gefährt*innen und Nachbar*innen davon abzuhalten, uns zu besuchen. Das Ziel unserer Feinde, uns zu isolieren, ist offensichtlich. Dass der offene Konflikt mit den Autoritäten, den wir immer auszuweiten suchen, auf eine harte Reaktion ihrerseits stößt, überrascht nicht. Also nichts Neues, nichtsdestotrotz erdrückend, solange wir eine Abwesenheit von Solidarität aus einer anarchistischen und linksradikalen Szene empfinden. Dementsprechend können wir unsere Entscheidung vor einem Monat, die Kadterschmiede zu schließen, nachvollziehen, wollen uns jedoch gleichzeitig in den Mittelpunkt der (Selbst-)kritik stellen, wie mit einem solchen Dilemma, das sich uns stellte, umgegangen werden kann.

    Kollektives Vorgehen

    Jedoch, trotz aller Widersprüche und Verfehlungen, durch kollektive Reflektionsprozesse werden wir mit unseren Fehlern konfrontiert und sie befähigen uns, aus ihnen zu lernen. Ein horizontales und antihierarchisches Vorgehen wird durch diese Risiken nur wichtiger, sie zeigen uns klar, wie wichtig ausführliche Diskussionen sind. So können wir kollektive Antworten finden und damit unser Vorgehen stärken. Auf dass wir in der Zukunft unseren Unterdrückern stärker entgegen treten können, mit geeigneteren analytischen Werkzeugen und Argumenten und besseren Reflexen.

    Offene Räume

    Unsere offenen Strukturen sind eines der wenigen real greifbaren Beispiele, die durch die Prozesse zum Aufbau kollektiver Strukturen, die sich selbst organisieren und verteidigen können, unsere politischen Vorstellungen erfahrbar machen. Durch sie kommen wir in Kontakt mit der Gesellschaft und anderen radikalen Splittern; ein Kontakt, der die von Staat und Massenmedien kreierten Bilder durchbrechen kann. Beziehungen können entstehen und sich bilden, es gibt Raum und Zeit für politisches Wachstum und Diskussion. In der Kadterschmiede können wir Essen gegen Spende an Menschen, die es brauchen oder jene, die schlicht nicht an dessen Kommerzialisierung teilhaben möchten, ausgeben, wir öffnen einen Raum mit dem Bewusstsein um verschiedene Formen der Diskriminierung und dem Ziel, diese zu bekämpfen. Zudem bieten offene soziale Räume die Möglichkeit sich auch zu Zeiten steigender soziale Spannungen zu treffen und zu organisieren. Sie bringen die soziale Spannung in ihre Gegenden und werden zu Zentren der Kämpfe, die Feind*innen der Autorität, des Staates und des Kapitals willkommen heißend, in offener Feindschaft zu denen, welche die Strukturen des Systems aufrechterhalten

    Aus diesen Gründen – und sicher gibt es noch mehr – sind wir überzeugt, dass offene Räume ein unverzichtbarer Teil einer anti-autoritären Bewegung sind und diese verteidigt werden müssen. Aus diesem Grund hatten wir vor etwa einem Monat in unserem Text “Selbstorganisation im Ausnahmezustand – Warum wir offene soziale Räume für wichtig halten” erklärt, dass wir die Kadterschmiede offen halten werden, auch in Zeiten von Corona.

    Gleichzeitig beunruhigt uns die Realität, die wir tagtäglich erleben, weiterhin. Dass gerade in Zeiten dieser Krise – durch die Bank weg – fast all unsere Infrastruktur geschlossen hat und viele politische Prozesse vertagt wurden oder eingeschlafen sind, besorgt uns. Glücklicherweise haben sich auch neue Strukturen gebildet. Wir alle müssen mit einer Situation zurecht kommen, in der augenscheinlich ein Großteil der, auch der sonst kritisch denkenden, Menschen die Richtlinien des Staates ohne Widerstand akzeptieren. Die Fähigkeit, sich an eine neue Ordnung anzupassen, kann oft notwendig sein, nichtsdestotrotz braucht es gleichermaßen eine Antwort auf und Widerstand gegen die Forderungen, denen sie uns unterwerfen wollen. Mit einem Gefühl von politischer Verantwortung und der Gewichtigkeit unseres Handelns im Hinterkopf empfinden wir den Raum, den die Repression von Tag zu Tag gewinnt, gefährlich. Wir sind weiter davon überzeugt, dass alle für sich selbst entscheiden können wo sie hingehen möchten, wie lange sie spazieren gehen möchten, wie lange sie im Park sitzen möchten und mit dem sie dort sitzen mögen. Dabei kann solidarisches Handeln natürlich weder mit noch ohne Ausnahmezustand die Bedürfnisse anderer einfach ignorieren. Deshalb wollen wir neue Strategien und politische Antworten gegen unsere Unterdrücker finden. Antworten, die einen generellen Vorschlag einer Gesellschaft in Solidarität, Freiheit und Gleichheit, unterstützen und verteidigen.

    Und jetzt?

    Und so führt uns diese Situation dazu, neue Ideen vorzubringen, um unseren Kampf hier im Nordkiez weiterführen zu können. Wir freuen uns über das spontane Zusammenkommen zur Reflektion von Aktionsmöglichkeiten im Ausnahmezustand, das zu Versammlungen wie der am Kotti[4] und der Fahrraddemo[5] geführt hat. Seit einem Monat gibt es jede Woche von unseren Balkonen vom Jugendclub Keimzelle ein Kiezradio mit Informationen, inhaltlichen Beiträgen und Analysen, Musik, Quizzes und Bingo. Das knüpft neue Verbindungen zwischen uns anderen jungen Menschen und unseren Nachbar*innen, ob auf der Straße oder auf den Balkonen, aber klar sichtbar und die Straßen und Plätze zurück fordernd. Einige unserer Nachbar*innen berichten auch, dass sie nach dem Radio zum ersten Mal untereinander ins Gespräch kamen. Außerdem machen wir auch eine VoKü vor unserer Haustür, die aus den zuvor erwähnten Gründen Essen gegen Spende anbietet und einen kollektiven Raum öffnet. An den Di- und Donnerstagen gibt es eine Abgabestelle für dringend in den Lagern an der griechischen Grenze benötigte Medikamente und Spenden für Gefangene.[3]

    Wir hoffen, nachdem nun bald zwei Monate des Ausnahmezustands hinter uns liegen, eine Diskussion in anti-autoritären und anarchistischen Strukturen mit an zu feuern, wie wir mit der aktuellen Situation umgehen können, wie wir trotzdem eine Kontinuität in unseren politischen Prozessen halten können, wann wir offene soziale Räume offensiv wieder öffnen sollten ohne uns darin von Entscheidungen des Staates abhängig zu machen. Und so arbeiten wir daran, die Kadterschmiede wieder vollständig zu öffnen und sind bereit zu kämpfen, für rebellische Nachbarschaften und die Revolte gegen jegliche Mechanismen der Macht.

    Rigaer94


    On the closure of Kadterschmiede and our handling of open spaces

    Wednesday, March 25th

    our lawyer told us that he should pass on a telephone threat from the police to us. The content of the threat was that the cops would enter Rigaer94 if Kadterschmiede would not close officially. After a due to timepressure admittedly short discussion, we then announced on twitter and our website that we would not open that day.

    Already at 8 p.m. there were about ten team cars of a cop unit in the next vicinity and at the Wedekindwache (cop station in the south of Friedrichshain) the technical unit provided heavy equipment. For a large part of the evening the area of Rigaer Strasse, between Zellestrasse and Dorfplatz, was occupied or cordoned off by police chains. In front of our door the new BP-unit (Brennpunkt- und Präsenzeinheit /“CriminalHotspot and Presence-Units“ [1]) was stationed again. The usual yellow press and massmedia had been informed and was present on the street from early on.

    A few days earlier we had published and postered a text with the title “Self-organization in a state of emergency – Why we still consider open social spaces important”[2]. Though we still politically think it‘s the right thing to do, we took a shot in the dark in two aspects. Neither had we considered the reaction of our enemy in the form of the state, nor had we removed all the uncertainties among ourselves regarding hygiene issues. So, because of our lack of a wider discussion and analysis around the topic of opening our own space we also seemed unprepared for the repression on that Wednesday. We had fallen right into the trap we set ourselves, as we would not have been able to defend any decision we could have made collectively.

    Finally, we canceled our regular KüFA/VoKü and closed Kadterschmiede. The lack of collective analysis on the issue and the time pressure revealed the problems that were hidden in our procedures. The critiques that some of us had received individually for opening Kadterschmiede one week earlier, the massive statement of the scene on closing the collective spaces (which actually we wanted to counter with opening) and therefore the absence of open solidarity to our decision, our personal insecurity on virus issues as well as the avoidance of a potential raid in this scenario, were some of the reasons that led us to this decision.

    Resistance

    As anarchists, (state) repression will always find us against it. The creation of a solidarity movement is a key tool for empowerment of the struggle and our fighting spirit and perseverance are the tip of our spear. We challenge the existence of the state and the commands it imposes on us. We analyze and critically examine its dictates, we are making our own analysis and we are fighting for its defense. But at the same time we understand our possibilities and our capacities and we set priorities and goals that will leave a positive legacy to the movement. The situation in front of our door, which we and our close neighbours are experiencing since a few months, which means the siege of the state lacays, controlling nearly every move out of and into this house, brings us into a quite defensive position. The state tries to prevent friends, comrades or neighbours to visit us. The enemy‘s goal of our isolation is clear to us. Our open conflict with authorities which we aim to push further and further, leads to a harsh reaction by them. Nothing new to us, but never the less pressing as long as we feel an absence of solidarity of a leftist-radical and anarchist scene. For these reasons we still retrace our decision of closing our space on Wednesday, while at the same time placing ourselves at the center of (self-)criticism about how to deal with the dilemma posed to us.

    Collective Approach

    But despite all the contradictions and failures, through collective reflections we are confronted with our mistakes and we learn from them. The horizontal and the antihierarchical procedures are validated by these risks but they clearly show us the importance of profound discussion. We form collective answers and we strengthen our procedures. So that in the future we can appear stronger against our oppressors, with more suitable analytical tools and arguments and with more increased reflexes.

    Open Spaces

    These processes of building collective structures, able to self-organize and self-defend become real and an actual example of our political values through our open structures. Through these we come into contact with society and the rest of its radical pieces, a contact ruptures the image created by mass media and the state. Relationships are formed and built, we are having the space and time for political growth and discussion. During the opening of Kadterschmiede it is possible to offer food for donation to people who are in need or simply do not want to participate in the commercialization, we build a space where we are aware of and fight various forms of discrimination. As well, open social spaces offer the possibility, during uprising social tension, for people to meet and organize. They bring the tension in their district and they become centers of struggles, welcoming the enemies of authority, state and capital and being hostile to the ones upholding the system‘s structures.

    For these reasons – we are sure that there may be more – we consider open spaces a vital part of an anti-authoritarian movement and their defense necessary. That‘s why we one month ago explained in our text “Self-organization in a state of emergency – why we still consider open social spaces important”that Kadterschmiede remains open even in times of Corona.

    At the same time, the reality that we experience every day, continues to trouble us. Through this crisis almost all the movement spaces are closed and a lot of political procedures are postponed, but we as well recognize that new political structures are built. Everyone has to deal with a situation in which the guidelines of the state are apparently accepted without any resistance even by most critically thinking people. Adaptability to the new order of things is sometimes considered necessary but also the political/movement response and resistance to the demands they want to impose on us is equally needed. Understanding the political weight of our actions and the political responsibility of our answers, it continues to trouble us the space that repression is winning day by day. We continue to believe that everyone can decide for themselves where they want to go, how long they want to walk, how long they want to sit in the park, who they want to sit with in the park. Meanwhile acting in a solidaric fashion can not mean to simply ignore the need of others, whether in a state of emergency or without. That‘s why we try to develop new strategies and political responses against our oppressors. Responses that would be able to support and defend our general political proposal for a society of solidarity, freedom and equality.

    And now?

    So, this situation lead us to come up with new ideas to keep up our fight in Northkiez. We welcome the spontaneous assemblies to reflect on possible methods and actions under the state of emergency, which led to manifestations like on Kotti [4] and the bikedemo [5]. For a month the Youthclub Keimzelle is doing a weekly Kiezradio from our balconies with informations, speaches on different topics and analyses, music, quizzes and Bingo. These helped creating new bonds between us other young people and our neighbours, whether on the streets or on the balconies, clearly visible outside, reclaiming the streets and places. Takeaway people kitchen in front of our house, to offer food and collective space for the same reasons as mentioned above. On Tuesdays and Thursdays we collect medication urgently needed in the camps on the greek borders and donations for prisoners.[3]

    We want to push the discussion among anti-authoritarian, anarchist structures, now that nearly two months have passed after the implementation of this attempted state of emergency. How to deal with a situation like this, how to keep up the continuity of our political procedures and when to offensively open social spaces again, not making it dependent on a state‘s decision. Like this, we work towards fully opening Kadterschmiede again and are willing to take up the fight, for rebellious neighbourhoods and the revolt against any power mechanisms.

    Rigaer94


    [1](https://rigaer94.squat.net/2020/03/10/berliner-polizei-bereitet-eskalation-im-kbo-friedrichshain-vor/)

    [2](https://rigaer94.squat.net/2020/03/24/selbstorganisation-im-ausnahmezustand-warum-wir-offene-soziale-raume-fur-wichtig-halten/)

    [3](https://rigaer94.squat.net/2020/04/26/solidaritat-lasst-sich-nicht-in-quarantane-setzen-solida/rity-cant-be-put-in-quarantine/)

    [4] Hier gibt es einen de.indymedia Artikel, aufgrund des Ausfalls fehlt leider der Link –

    A de.indymedia article in german language is existant , due to the outage we don’t have the link at the moment

    [5] Zur Fahrraddemo wurde leider kein Resume veroeffentlicht, das es keine Katastrophe war hat sicher bei der Entscheidung zur Fahrraddemo zur Walpurgisnacht mitgewirkt –

    Unfortunately no resume on the bike demo was published, it not ending catastrophically certainly had an influence on the decision for the demo of Walpurgis

  • Comments Off on Zur Schließung der Kadterschmiede und unserem Umgang mit offenen Räumen
  • Kategorie: Statements

  • Wie wir Anfang März (https://rigaer94.squat.net/2020/03/10/berliner-polizei-bereitet-eskalation-im-kbo-friedrichshain-vor/) schon geschildert haben, werden wir fast täglich zeitweise von der neuen Brennpunkt- und Präsenzeinheit (BPE) oder von Teilen einer Einsatzhundertschaft belagert.

    An dieser Situation hat sich bis dato nichts geändert.
    Immernoch parkt sich fast täglich gegen die Abendstunden eine Wanne in die Hauseinfahrt gegenüber der Rigaer94.
    Ihre Motivation scheint von Hundertschaft zu Hunderschaft unterschiedlich zu sein. Mal werden vorbeiziehende kontrolliert, der Fokus liegt aber augenscheinlich immernoch auf unserer Haustür bzw. wer sie verlässt oder betritt.

    In den letzten 2 Wochen kam es nun mehrmals zu teils sehr brutalen Übergriffen, die sich meist so abspielten, dass Menschen das Haus verliesen und unvermittelt von Bullen, die sich links und rechts von der Haustür aufstellten überfallen wurden. Zur Wanne verschleppt und nach ca. 20minütiger Kontrolle wieder entlassen wurden. Es kam auch letzte Woche zweimal zu Situationen, dass Menschen beim Verlassen der Tür auf ihrem Fahrrad unvermittelt runtergeboxt wurden. Beide Male wurden die Personen erstmal regungslos über die Straße geschliffen. Der letzte Vorfall so einer Art ereignete sich am Dienstag den 28.04. nach einem Kiezradio – Spezial. Durch lautes Rufen wurden auch Nachbar_innen auf die Situation aufmerksam und solidarisierten sich.
    Wer das Haus zu Fuß verlässt, muss auch damit rechnen, beobachtet und im weiteren Umkreis kontrolliert zu werden rechnen, so zum Beispiel ein Jugendlicher, der erst am Ende der Liebigstraße gegriffen wurde. Als Begründung wird einem lapidar “Sie kamen aus der Rigaer94” entgegengeworfen.

    Das gleiche Prozedere wenn Menschen die Haustüre betreten wollen. Mehrmals sind die Bullen losgesprintet um sich die Person noch zu schnappen.

    Dies ist nun nur eine kleine Übersicht von Machenschaften der behelmten Schläger im Dienst von Ordnung und Gesetz – es wird durchaus mehr Situationen geben, von denen wir nichts mitbekommen haben. Wenn das so ist, meldet euch bei uns – wir würden euch gerne Unterstützen.

    Allerdings wollen wir durch die Schilderungen von Staatsgewalt auch nicht vermitteln, dass hier nun alles Kacke ist, durchaus erleben wir auch eine gute Zeit hier im Kiez.

    Seit einigen Wochen hat sich ein Kiezradio der Jugenclubs “Keimzelle” etabliert. Jeden Freitag um 19 Uhr gibt es von Balkonien was auf die Ohren. Es wird sowohl von vielen Nachbar_innen an Fenstern und Balkonen begleitet, als auch von Besucher_innen, die von der Straße lauschen.
    Auch hier kommt es durchaus jedesmal zu Anzeigen und Platzverweisen gedeckelt vom Infektionsschutzgesetz, was die Leute aber nicht abhielt jeden Freitag wieder zu kommen. Zum letzten Freitag waren über 60 Personen auf der Straße und wurden nicht geräumt.

    Auch sogenante hinterhältige Aktionen sind weiterhin präsent im Kiez und sorgen hier und da für Beulen, Glasbruch oder eingefärbte Bullenwannen und ab und an für den Abzug der unbeliebten, bewaffneten, uniformierten Müllsäcke.
    https://chronik.blackblogs.org/?p=12312
    https://twitter.com/i/status/1255194235529236480

    Wir gehen natürlich nicht davon aus, dass sich dieser Zustand nun verändern wird, schon alleine dadurch das der neue Räumungsverhandlungstermin der Liebig34 nun auf den 03. Juni angesetzt wurde.

    Auch wenn wir an der Walpurgisnacht dieses Jahr wieder mitansehen konnten, das ein Aufruf und eine Mobilisierung in den Friedrichshainer Nordkiez eine komplette Belagerung des Berliner Bullenapperats auslöst und mit äußert präziser ekelhafter Brutalität gegen Fahrradfahrer_innen vorgegangen wurde, sind wir gerade jetzt auch immer wieder auf Solidarität angewiesen.

    Wir laden euch diesen Mittwoch (06.05) zur Straßenvokü “Solidarität mit den von Repression betroffenen des 1. Mai und der Walpurgisnacht” um 18 Uhr vor die Rigaer94 ein.
    Am Freitag (08.05) gibts ab 19 Uhr wieder Kiezradio.

    Achtet auch auf weitere Ankündigungen – Keine Räumung der Liebig34!

  • Comments Off on Update zur aktuellen Situation vor unserer Haustür
  • Kategorie: Statements
  • Einladung zur Straßenvokü


    Solidarität mit den von Repression betroffenen des 1. Mai und der Walpurgisnacht

    Walpurgisnacht und 1.Mai sind vorbei. Viele wurden in den letzten Tagen hier und in Kreuzberg festgenommen oder haben Anzeigen bekommen, weil sie sich an den illegalen Aktionen gegen die herrschenden Zustände beteiligt haben. Für die Repressionskosten wollen wir gemeinsam einstehen und schon mal Geld sammeln, indem wir die Straßenvokü am Mittwoch um 18 Uhr vor unserer Haustür fortsetzen. Wenn ihr Hilfe oder Ratschlag braucht, Geld spenden oder einfach für lau Essen wollt, kommt vorbei!

    Des Weiteren wollen wir euch auch nochmal auf unseren Solitisch aufmerksam machen, welcher jeden Dienstag von 17°° bis 19°° und Donnerstag von 10°° bis 12°° vor der Tür der Rigaer Str. 94 zur Abgabe von Hygieneprodukten ( Seife, Handschuhe, Handdessinfektion, Vitamine, Masken), Geld für Gefangene, Obst und abgepackte Nahrung wie Sandwiches in ZipLock Tüten zur Verteilung an jeweilige Risikogruppen geben.

    Obendrein wollen wir etwas gegen den akuten Mangel an Medizin im Camp von Vagiochori (Griechenland) machen. In diesem Camp sind etwa 700 Menschen untergebracht, größtenteils Kinder. Hier eine Liste der benötigten Mittel, die ihr hier abgeben könnt:

    Paracetamol Pillen and Sirup für Kinder, Augmentin ebenfalls für Kids, Xozal, Fucidin, Zinadol, Hansaplast, Bandagen, Kalzium, Gynotardiferon oder Tardiferon, Canesten, Oxytocin und Mitrotan zur Injektion, Zirtek, Stedon und Hydrocortisone zum Spritzen.

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